Trainingsmethode beeinflusst das Wohlbefinden von Haushunden

Beeinflusst die Trainingsmethode das Wohlbefinden von Hunden?

Eine aversive Trainingsmethode beeinflusst das Wohlbefinden von Haushunden negativ, zeigten Vieira de Castro et al. in ihrer 2020 veröffentlichten Studie

Die Erziehung von Hunden gewinnt mit zunehmender Integration der Vierbeiner an Bedeutung. Insbesondere ihr immer mehr wertgeschätzter Beitrag am gesellschaftlichen Leben sowie ihr zunehmender Einsatz in pädagogischem oder therapeutischem Kontext macht eine das tierische Wohlbefinden fördernde Trainingsmethode notwendig.

Demgegenüber steht die Tatsache, dass Verhaltensprobleme die am häufigsten angegebenen Gründe für die Abgabe oder gar Euthanasie von Hunden sind (Vieira de Castro et al. 2020: 1).

Trainingsmethoden werden hitzig diskutiert

Ob der angemessenen Trainingssmethode von Hunden stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Diskussionen über die Angemessenheit der zur Verfügung stehenden Ausbildungsmethoden werden von beiden Lagern hitzig diskutiert. Während die einen sich für eine auf positiver Verstärkung basierendes Training stark machen, sprechen sich die anderen für eine eher strafbasierte Methode aus.

Vieira de Castro et al. (2020) nehmen nun in ihrer Studie das Wohlbefinden von erstens positiv, zweitens aversiv trainierten und von mit einer Mischung aus sowohl positiven als auch aversiven Reizen trainierten Hunden in den Fokus. Dabei betrachten sie zum einen das Wohlbefinden der Tiere in der spezifischen Trainingssituation und zum anderen das allgemeine Wohlbefinden außerhalb der Trainingssituationen.

Teilnehmende Probanden

Verglichen wurden in der Studie drei Gruppen von Hunden, die nach unterschiedlichen Trainingsmethoden erzogen wurden. Eine Gruppe von 42 Hunden wurde auf positiver Verstärkung basierend, eine weitere Gruppe von 22 Hunden wurde sowohl straf- als auch verstärkungsbasiert und die dritte Gruppe von 28 Hunden wurde ausschließlich strafbasiert trainiert. Insgesamt nahmen also 92 Hund-Halter:innen-Teams an der Studie teil (Vieira de Castro et al. 2020: 1).

Erhebung des Stresslevels der Hunde nach dem Training

Untersucht wurde einerseits das Wohlbefinden der Hunde in den Trainingssituationen sowie andererseits ihr Gemütszustand außerhalb der Trainingssituationen. Um eine Verzerrung der Ergebnisse zu vermeiden und ein möglichst objektives Ergebnis zu erhalten, wurden zum einen die körpersprachlichen Signale der Hunde nach einem zuvor ausgearbeiteten Ethogramm und zum anderen die Cortisolkonzentration im Speichel der Hunde erfasst.

Dabei wurde davon ausgegangen, dass der emotionale Zustand von Hunden einerseits von der unmittelbaren Strafe oder Verstärkung in einer konkreten Situation sowie andererseits von wiederholt im Alltag der Hunde erlebten aversiven oder positiven Reizen beeinflusst wird. Bei Hunden, die überwiegend mit aversiven Trainingsmethoden – also strafbasiert – trainiert werden, wurde von den Forscher:innen folglich auch ein im Alltag verringertes Wohlbefinden vermutet. Um den emotionalen Zustand der an der Studie teilnehmenden Hunde außerhalb der Trainingssituation zu erheben, wurde der cognitive bias task genutzt. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Grundgemütszustand eines Individuums dessen Entscheidungen signifikant beeinflusst. Demnach erwarten im Gegensatz zu positiv gestimmten Individuen eher negativ gestimmte in Entscheidungsprozessen einen pessimistischen Ausgang (Boissy et al. 2014, zit. in: Vieira de Castro et al. 2020: 2, Harding et al. 2004, zit. in: Vieira de Castro et al. 2020: 2, Mendl et al. 2020, zit. in: Vieira de Castro et al. 2020: 2, Vieira de Castro et al. 2020: 2).

Cognitive bias task

Für den Test zur Erhebung des Wohlbefindens der Hunde außerhalb der Trainingseinheiten wurde auf den Versuchsaufbau von Mendl et al. (2010, zit. In Vieira de Castro et al. 2020: 6) zurückgegriffen.

Für den Test der kognitiven Verzerrung wurden die Hunde in einer ersten Phase zunächst vorbereitet. Sie lernten, dass beim in der Abbildung dargestellten Versuchsaufbau im positiven Napf (P) immer eine Futterbelohnung zu finden ist. Im Napf auf der Position N war hingegen nie eine Futterbelohnung zu finden.

In der zweiten Phase, der eigentlichen Testphase, wurde ein leerer Napf nun nicht mehr auf der klar positiven oder klar negativen Position platziert, sondern auf eine der Zwischenpositionen. Pro Testphase wurden drei Durchläufe mit den Hunden gemacht. Nach jeder Testphase wurde die klar positive sowie die klar negative Ortsverknüpfung wieder konditioniert.

Gemessen wurde die Latenz, also die Zeit, welche die Hunde brauchten, um die Futterschüssel zu erreichen.

Der Test spiegelt zwei Prozesse in der Entscheidungsfindung wider: die vom Individuum wahrgenommene Wahrscheinlichkeit von Belohnung respektive Strafe sowie dem vom Individuum erwarteten Wert der Belohnung bzw. Bestrafung. Ein Individuum wird weniger Anstrengungsbereitschaft zeigen, wenn es die zu erwartende Belohnung als eher unwahrscheinlich und/oder weniger wertvoll einschätzt. Ebenso nimmt die Anstrengungsbereitschaft bei einer wahrscheinlich erwarteten Strafe sowie mit deren erwarteter Härte ab. Hier wird also ein Einfluss durch die angewendete Trainingsmethode vermutet.

Ergebnisse während der Trainingseinheiten

Die in den Trainingsstunden beobachteten Stresssignale der Hunde wurden anhand von Videoaufzeichnungen und von mehreren Beobachtern analysiert. Hierbei zeigten die nach einer aversiven Trainingsmethode ausgebildeten Hunde deutlich mehr körpersprachliche Stresssignale als die positiv trainierten Hunde. Ebenso konnten Vieira de Castro et al. (2020: 15) einen deutlich angespannteren Gemütszustand bei der aversiv trainierten Gruppe feststellen (Vieira de Castro et al. 2020: 15).

Vieira de Castro et al. 2020: 14
Trainingsmethode und Stressignale
Vieira de Castro et al. 2020: 14

Zugleich konnte nach der Trainingsphase bei aversiv und gemischt trainierten Hunden ein deutlich erhöhter Cortisolspiegel im Speichel gemessen werden (Vieira de Castro et al. 2020: 15).

Cortisolspiegel im Zusammenhang mit der Trainingsmethode
Vieira de Castro et al. (2020:16)

Latenz beim Auffinden der Futterschüsseln

Im cognitive bias task brauchten die aversiv trainierten Hunde länger als die positiv trainierten um die Futterschüssel zu erreichen. Zwischen den gemischt trainierten sowie den positiv trainierten als auch zwischen den gemischt trainierten sowie den negativ trainierten Hunden konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden (Vieira de Castro et al. 2020: 17).

Zusammenfassung der Forscher:innen

Die Gruppe um Vieira de Castro konnte feststellen, dass die aversiv trainierte Gruppe sowohl innerhalb als auch außerhalb des Trainingskontextes ein geringeres Wohlbefinden als die positiv trainierte Gruppe zeigte. Außerhalb des Trainingskontextes konnte kein Unterschied zwischen der aversiv und der gemischt trainierten Gruppe festgestellt werden. Im Trainingskontext zeigte die aversiv trainierte Gruppe jedoch ein geringeres Wohlbefinden als die gemischt trainierte Gruppe. Die aversiv trainierten Hunde zeigten in den Trainingseinheiten signifikant öfter gehemmtes Verhalten und eine vermehrt angespannte Körperhaltung als die positiv trainierte Gruppe. Auch wurde von der aversiv trainierten Gruppe vermehrtes Hecheln gezeigt. Ebenso zeigten die Hunde der gemischt trainierten Gruppe mehr Stressanzeichen und Angespanntheit als die positiv trainierte Gruppe (Vieira de Castro et al. 2020: 18).

Besonders betonten die Forscher:innen, dass die Hunde der Gruppe gemischtes sowie aversives Training besonders viel lip licking zeigten. Schilder et al. (2004) konnten zeigen, dass das Belecken der Lefzen insbesondere in Stresssituationen mit sozialem Kontext gezeigt wird.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Trainingsmethode das Wohlbefinden der Hunde sowohl innerhalb als auch außerhalb des Trainingskontextes beeinflusst. Dabei spielt auch die verhältnismäßige Anzahl der angewendeten Strafen eine Rolle. So zeigte die gemischt trainierte Gruppe insgesamt ein besseres Wohlbefinden innerhalb und außerhalb des Trainingskontextes als die aversiv trainierte Gruppe. Dennoch befand sich die gemischt trainierte Gruppe in einem emotional schlechteren Zustand als die positiv trainierte Gruppe. Die körpersprachlich gezeigten Stresssignale spiegelten sich in den erhöhten Cortisolwerten im Speichel der Hunde wider (Vieira de Castro et al. 2020: 18, 19). Auch im durchgeführten Test zeigten die aversiv trainierten Hunde eine höhere Latenz beim Aufsuchen aller Napfpositionen. Der Anteil der aversiven Stimuli im Training korrelierten mit dem Stresslevel der betroffenen Hunde. Je höher der Anteil der aversiven Stimuli im Training war, desto mehr Stressanzeichen zeigten die Hunde.

Ebenso lernten die positiv trainierten Hunde die Aufgabe des Testes tendenziell schneller als aversiv trainierte Hunde. Damit konnten die zuvor erhobenen Ergebnisse von Rooney et al. (2011, zit. in Vieira de Castro et al. 2020: 20) bezüglich des Zusammenhangs von Lernleistungen, Trainingsmethode und Stress bestätigt werden.

Fazit für das Hundetraining im Alltag sowie die Schulhundausbildung

Vieira de Castro et al. (2020) konnten hineichend einen Zusammenhang zwischen der angewendeten Trainingsmethode und dem allgemeinen sowie spezifischen Wohlbefinden der an der Studie teilnehmenden Hunde belegen. So ergibt sich für das Alltagstraining von Familien- sowie Problemhunden und die Ausbildung von Schulhunden keine weitere Alternative als das bedürfnisorientierte und auf positiver Verstärkung basierende Training. Wer hierzu vertiefend lesen möchte, dem sei das Buch von James O´Heare „Die Dominanztheorie bei Hunden eine wissenschaftliche Betrachtung“ (erhältlich bei Amazon* und Thalia*)ans Herz gelegt. Ein erhöhtes Stressniveau führt bei Hunden (wie auch bei Menschen) zu einem höheren Erregungsniveau. Sie haben also, wie wir Menschen auch, oft eine kürzere Lunte. Hunde, die gestresst oder/und ängstlich sind, reagieren leichter ängstlich und ebenfalls schneller aversiv. Zudem birgt ein wiederholt aversives Training eine weitere Gefahr: Bestimmte Gesten oder Bewegungen können für den Hund zu Ankündigungen von Strafen werden. Nimmt der Hund so eine Bewegung wahr, kann er sie fehlinterpretieren und möglicherweise schon im Vorhinein abwehren wollen. Dies kann im günstigen Fall durch Meide- und im ungünstigsten Fall durch Aggressionsverhalten passieren. Ein Beispiel: Wird ein Hund für unerwünschtes Verhalten mehrfach am Ohr gezogen (was im Übrigen sehr unangenehm bis schmerzhaft sein kann), geht er möglicherweise davon aus, dass eine zum Ohr kommende Hand wieder diesen unangenehmen Reiz ankündigt und versucht nun schon im Vorab das Ziehen am Ohr durch ein Zwicken in die Hand abzuwehren. So können Kinder, die den Hund streicheln wollen, unnötig verletzt werden.

Vor diesem Hintergrund sind die noch immer teilweise oder ganz aversiv trainierenden Hundeschulen äußerst kritisch zu sehen. Zumal diese den Markt sowie die Medien mit charismatisch auftretenden „Fachleuten“ noch immer dominieren. Für die Hundehalter:in ist es häufig schwer, sich im Urwald der angebotenen und markig klingenden Trainingskonzepte zu orientieren und eine seriös arbeitende sowie positiv trainierende Hundeschule zu finden. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle auf die Trainer:innensuche beim IBH und beim Netzwerk „Trainieren statt dominieren“ verwiesen.

Schreibe gerne in die Kommentare, wie es dir bei der Suche nach einer guten Hundeschule ging? Gab es im Training mit deinem Hund Situationen, in denen du dich unwohl gefühlt hast?

Hinzu kommt – wie so oft – der Aspekt der Verantwortung. Zum einen ist es weder ethisch vertretbar noch tierschutzkonform einem Tier Leid in welcher Form auch immer zuzufügen, wenn es auch andere Wege gibt und zum anderen ist unser Umgang mit dem Hund zugleich ein Vorbild für andere Familienmitglieder, unsere Schüler:innen und Mitmenschen. Je mehr Bezugspersonen von Hunden zeigen, dass es auch einen anderen, freundlichen Weg in der Hundeerziehung gibt, desto mehr Hunde können durch dieses vorgelebte Beispiel davon profitieren. Hier können Eltern, Lehrer:innen und andere Influencer:innen wirklich etwas im oft doch noch groben Umgang mit Hunden verändern. Deshalb gilt bei mir immer das Motto: „Lieber ein paar Leckerchen zu viel als zu wenig!“ Doch auch diese können ganz schön ins Geld gehen. Die gute Nachricht für Sparfüchse: Zooplus bietet bis zum 30.01.2023 mit dem Gutschein GETREIDEFREI-10 10% Rabatt auf ausgewählte getreidefreie Produkte*.

In diesem Sinne: POSITIVE ROCKS!

Dieser Beitrag darf gerne geteilt werden! Vielen Dank für deine Unterstützung.

Catarina Vieira de Castro findest du bei Facebook und Twitter. In einer Folge vom Family Pubs Podcast stellt sie ihre Ergebnisse ebenfalls vor.

Bibliographie

Boissy, A.; Erhard, HW. (2014): „How studying interaction between animal emotion, cognition, and personality can contribute1 to improve farm animal welfare. In: Granden, T.; Deesing, MJ (Hrsg.) (2014): Genetics and Behavior of Domestic Animals. Zweite Ausgabe. Academic Press, S. 81-113. Letzter Zugriff: 25.12.2022

Harding, E.; Paul, E.; Mendl, M. (2004): Animal behaviour: Cognitive bias and affective state. In: Nature 427, S. 312. Letzter Zugriff: 25.12.2022

Mendl, M.; Brook, J.; Burman, O.; Paul, E.; Blackwell, E. (2010): „Dogs showing separation related behavior exhibit a ‚pessimistic‘ cognitive bias“. In: Current Biology, Volume 20, Issue 19, S. R839-R840. Letzter Zugriff: 25.12.2022

Mendl, M.; Paul, E. (2020): Animal effect and decision making. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews Volume 112, May 2020, S. 144-163. Letzter Zugriff: 25.12.2022

Vieira de Castro, a.; Fuchs, D.; Munhos Morello, G.; Pastor, S.; Sousa, L. de; Olsson, A. (2020): „Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare“. In: PLoS ONE 15(12). e0225023. Letzter Zugriff: 25.12.2022

Rooney, N.; Cowan, S. (2011): „Training methods and owner–dog interactions: Links with dog behaviour and learning ability“. In: Applied Animal Behaviour Science, Volume 132, Issues 3–4, July, S. 169-177. Letzter Zugriff: 25.12.2022

Schilder, M.; Borg, J. van der (2004): „Training dogs with help of the shock collar: short and long term behavioural effects“. In: Applied Animal Behaviour Science, Volume 85, Issues 3–4, 25 März 2004, S. 319-334. Letzter Zugriff: 25.12.2022

  1. Es handelt sich um eine Monographie. Der hier eingefügte Link führt zur Zusammenfassung des Artikels. Die Vollversion muss über Universitätsbibliotheken bezogen werden.

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