Stadien eines epileptischen Anfalls beim Hund

Der epileptische Anfall beim Hund

Stadien eines epileptischen Anfalls beim Hund

In der Serie „Hilfe, mein Hund hat Epilepsie!“ geht es um ein Leben mit der Krankheit Epilepsie. Im hier vorliegenden zweiten Teil werden die Stadien eines epileptischen Anfalls beim Hund beschrieben. Des Weiteren gehe ich auf den gefürchteten Status epilepticuls und mir vorliegende Notfallmedikamente ein.

Hinweise

In dem hier verlinkten Video wird eine Aufnahme eines epileptischen Anfalls vom Käpt´n eingespielt. Wenn du sensibel auf solche Szenen reagierst, dann sieh dir das Video bitte nicht allein an oder nutze die Kapitel um diese Szene zu überspringen.

Die Videoserie „Hilfe, mein Hund hat Epilepsie!“ ersetzt natürlich nicht den Besuch beim Tierarzt. Hast du also die Befürchtung, dass dein Hund epileptische Anfälle erleidet, dann begibt dich bitte unbedingt zu einem guten Tierarzt.

Die Krankheit Epilepsie

Die Krankheit Epilepsie definiert sich durch wiederkehrende epileptische Anfälle (Hülsmeyer und Fischer, in Volk et al. 2013: 11). Ist die Diagnose Epilepsie also einmal gestellt, müsst ihr sowohl mit weiteren Anfällen als auch mal mit einem Notfall während eines Anfalls rechnen.

Damit geht einher, dass ihr die Anfälle in ihrer Dauer sowie Intensität protokollieren und nach Möglichkeit auch filmen solltet. Dies ist auch wichtig, um den Erfolg der jetzt wahrscheinlich beginnenden Medikamententherapie evaluieren zu können.

Die Stadien eines epileptischen Anfalls

Die Zeit vor, während und nach einem Anfall kann in einzelne Stadien eingeteilt werden. Die Dauer dieser Stadien kann teilweise unterschiedlich lang sein und zwar sowohl in Bezug auf das Ereignis an und für sich – also bei einem Anfall ist die Dauer des Anfalls eine Minute lang und bei einem anderen nur 20 Sekunden – als auch in Bezug auf das Individuum Hund. So kann ein Hund sehr starke und heftige, aber kurze generalisierte Anfälle haben und ein anderer Hund hat z.B. eher längere fokale Anfälle .

Übrigens kannst du die Fachbegriffe alle in meinem ersten Beitrag zum Thema Epilepsie beim Hund nachlesen.

Das Prodrominalstadium

Das erste Stadium im Rahmen eines Anfalls ist das Prodromalstadium. Prodrom bezeichnet dabei ein Symptom einer Krankheit, das dem vollausgebildeten Krankheitsbild vorausgeht. Bei Corona wäre das z. B. der Geruchs- und Geschmacksverlust. Das Prodrominalstadium kann lediglich mehrere Minuten, aber auch Stunden oder Tage andauern. Hier zeigen Hunde ganz unterschiedliche und sehr individuelle Symptome, die nur sehr schwach ausgeprägt sein können, sodass die Besitzer:in sie gar nicht erkennt oder bemerkt. Das Prodrominalstadium ist vor allem durch abnormales Verhalten gekennzeichnet. Hierzu gehören:

  • Unruhe,
  • Angst,
  • Unsicherheit,
  • Nervosität,
  • Ins-Leere-Starren,
  • übermäßiges Schnüffeln und
  • abnormales Vokalisieren (=Lautäußerungen).

Hier möchte ich anmerken, dass intensives Schnüffeln auch als Meide- und/oder Beschwichtigungsverhalten auftreten kann.

Die Aura

Das zweite Stadium ist die Aura. Diese dauert nur wenige Sekunden und stellt den eigentlichen Beginn des Anfall dar. Beobachtbare Symptome sind

  • Erbrechen,
  • veränderte Pupillen,
  • erste motorische und/oder
  • psychische Ausfälle.

Leider habe ich weder vom Prodromalstadium noch von der Aura ein Video. Jedoch hat sich herausgestellt, dass der Käpt´n sich vor jedem Anfall übergibt, was also der Aura zuzurordnen wäre. Ich rechne also, seit wir die Diagnose haben, bei einem Übergeben des Käpt´ns immer sofort mit einem Anfall. Seit seinem ersten Anfall trat das in 100% der Fälle ein. Der Käpt´n kündigt einen Anfall also sehr deutlich, aber auch sehr kurzfristig mit Erbrechen an. Trotz der Kurzfristigkeit kann ich dann noch versuchen, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

Der Aura folgt dann der Iktus. Je nachdem, ob es sich um einen fokalen oder generalisierten Anfall handelt, sieht dieser sehr unterschiedlich aus.

Der Iktus

Der Iktus ist das dritte Stadium und beschreibt den eigentlichen Anfall. Dieser dauert wenige Sekunden bis zu etwa 5 Minuten und zeigt sich an der Oberfläche des Hundes ebenfalls individuell sehr unterschiedlich.

Bei einer Dauer von mehr als 5 Minuten kannst du von einem Status epilepticus ausgehen und solltest eine Notfallmedikamentation verabreichen. In dem Zusammenhang definiere ich dann auch noch einmal den Begriff Status epilepticus.

Bei einem Iktus häufig zu beobachten sind:

  • Muskelzuckungen,
  • Zittern,
  • Krämpfe aller oder einzelner Gliedmaßen,
  • Kieferschlagen,
  • Krämpfe in der Rückenmuskulatur mit einem zurückgebeugten Kopf (Der Käpt´n zeigt das im ersten und zweiten Teil meiner Videoserie „Hilfe, mein Hund hat Epilepsie!“ ),
  • seitliche Kopf-Hals-Verdrehung zum Körper,
  • Ataxie (Gangstörungen, einen unsicheren Gang),
  • Fliegenschnappen,
  • abnormales und/oder permanentes Vokalisieren,
  • starkes Speicheln,
  • Harn- und Kotabsatz,
  • Pupillenveränderungen,
  • Desorientierung und
  • Bewusstseinsverlust.

Postiktale Phase

Das vierte Stadium ist die Phase nach dem Anfall, in der der Hund wieder zu sich kommt und langsam sein Bewusstsein zurückerlangt. Sie wird als postiktale Phase bezeichnet. An der Oberfläche des Hundes kann dann Folgendes beobachtet werden:

  • Blind- und/oder Taubheit,
  • Aggressivität,
  • starker Durst oder Appetit,
  • Müdigkeit,
  • Erregung,
  • abnormales Vokalisieren,
  • Drangwandern,
  • Desorientierung und
  • Ataxie.
Aggressivität in der postiktalen Phase

An dieser Stelle erlaube ich mir ein paar Anmerkungen zum Thema Aggressivität. Dein Hund zeigt während und nach dem Anfall kein bewusstes Verhalten. Es ist ganz wichtig, dass du dir klar machst, dass dein Hund sich seiner Handlungen nicht bewusst ist und die Aggression jetzt aufgrund noch abnormaler Gehirnaktivität zeigt. Dennoch sind diese Situationen natürlich potenziell gefährlich, da dein Hund dich natürlich verletzen kann. Wird dein Hund in der postiktalen Phase aggressiv, dann gilt natürlich safety first und du solltest unbedingt an eine Eigensicherung denken. Gegebenenfalls solltest du also kurz den Raum verlassen oder hinter ein Kindergitter gehen.

Körpersprachliche Merkmale während der Stadien eines epileptischen Anfalls

Die Stadien werden jeweils mit körpersprachlichen Merkmalen voneinander abgegrenzt. Da Hunde nicht sprechen können, müssen wir Hundehalter:innen also in der Lage sein, die Phasen anhand der körpersprachlichen Signale unserer Hunde zu erkennen. Das bedeutet also, dass du unbedingt dein Auge schulen solltest, um die Phasen bei deinem Hund gut erkennen zu können. Dabei kann dir vor allem zu Beginn das Führen eines Protokolls sowie das Filmen der Anfälle helfen.

In meinem zweiten Teil der Videoserie „Hilfe, mein Hund hat Epilepsie!“ zeige ich dir den Übergang vom Iktus zur postiktalen Phase. Mit einem Klick auf das untenstehende Bild kommst du direkt zum Video. Über die Videokapitel kommst du zu der entsprechenden Stelle.

Wie kannst du dich bei einem Anfall deines Hundes verhalten?

Leider kannst du bei einem epileptischen Anfall nicht viel tun. Dennoch gibt es einige Dinge zu beachten:

  1. Safety First: Bringe deine Hände, dein Gesicht oder andere Körperteile auf gar keinen Fall in die Nähe des Fangs bzw. der Schnauze. Dies gilt auch bei Hunden mit einer guten Beißhemmung. Du kannst sonst möglicherweise von deinem Hund gebissen werden. Bedenke auch, dass dein Hund die Stärke des Bisses nicht regulieren kann, da er nicht bei vollem Bewusstsein ist.
  2. Safety first :Bringe kleine Kinder und andere Tiere aus dem Raum.
  3. Dokumentation: Versuche die Dauer des Anfalls zu messen! Schaue auf die Uhr und überprüfe die Dauer des Iktus. Erreichst du 4 Minuten lege dir die Notfallmedikamente bereit. Filme den Anfall so gut es geht!
  4. Entferne möglichst viele Gegenstände, damit dein Hund sich nicht verletzen kann. Du kannst z. B. Stühle hochstellen, Taschen und Kabel wegräumen, sodass dein Hund nicht darüber stürzt.
  5. Versuche deinen Hund – unter Beachtung der Eigensicherung – auf den Boden zu legen, damit er nicht von Sofa oder Bett stürzen kann.
  6. Schaffe eine reizarme Umgebung, indem du den Raum etwas abdunkelst, die Musik, das Radio oder den Fernseher ausschaltest.
  7. Bleib, wenn möglich, bei deinem Hund und leiste ihm Beistand. Trost und Zuspruch sind in so schweren Momenten nie verkehrt.

Notfallmedikamente

Die Notfallmedikamente werden verabreicht, wenn der Hund nicht von allein wieder aus dem Anfall herauskommt oder sich die Anfälle wiederholen. Ziel ist es, einen Status epilepticus oder eine Serie, auch Cluster genannt, zu unterbrechen. Meist wird Diazepam vom Tierarzt mitgegeben, manchmal auch Midazolam. Beides sind recht starke Medikamente mit zahlreichen Nebenwirkungen, die zu den klassischen Benzodiazepinen gehören. Dies ist insbesondere bei Reisen zu beachten. Bei beiden Medikamenten entwickelt sich bei häufiger Anwendung eine funktionelle Toleranz, die zu einer Reduktion und schließlich einem Verlust der antikonvulsiven Wirkung führt. Deswegen sollten beide Medikamente nur in einem akuten Notfall, also bei einem Status epilepticus oder einem Cluster, eingesetzt werden. Bei wiederholter Anwendung kommt es zu einer Abhängigkeit, die bei einem plötzlichen Absetzen des Wirkstoffs zu ausgeprägten Entzugserscheinungen führt (Fischer in Volk et al. 2013: 73).

Was genau ist aber nun ein Status epilepticus?

Der Status epilepticus

Dauert ein Anfall länger als 5 Minuten wird von einem Status epilepticus gesprochen. Dabei handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand, da das Gehirn dauerhaft in der Überregung ist und die körperlichen Funktionen nicht mehr wie nötig steuert.

Es gibt zwei Definitionen eines Status epilepticus:

Krampfanfall von mindestens fünfminütiger Dauer

oder

zwei oder mehrere direkt hintereinander folgende Anfälle von mindestens fünfminütiger Dauer OHNE Erlangung des Bewusstseins zwischen den einzelnen Episoden.

Rentmeister in Volk et al. 2013: 30

Ab der 4.Minute würde ich mir also die Notfallmedikamente holen und diese vorbereiten. Ich persönlich habe zwei Notfallmedikamente: Diazepam und Midazolam (Fischer in Volk et al. 2013: 73).

Achtung beim Reisen!!!! Ich habe bereits mehrfach gelesen, dass in einigen Ländern für Diazepam und Midazolam Bescheinigungen mitgeführt werden müssen. Bitte erkundige dich vor deiner Reise beim Konsulat bzw. der Botschaft und spreche mit deinem Tierarzt.

Diazepam:

Liegt in kleinen Tuben vor, die zunächst ausgepackt und dann aufgebrochen werden müssen. Das Medikament wird rektal eingeführt. Dabei ist einiges zu beachten: Die Tube muss im After ausgedrückt werden und dann noch zugedrückt wieder aus dem After des Hundes ausgeführt werden, da sonst das Medikament wieder in die Tube zurückgesaugt wird und die Dosierung somit nicht korrekt ist. Je nach Größe/Gewicht des Hundes musst du mehrere Tuben verabreichen.

Vorteil:
  • Das Medikament ist sehr bekannt.
  • Es besteht eine relativ geringe Verletzungsgefahr bei der Anwendung.
Nachteile:
  • Unter Umständen kommst du nicht an den After deines Hundes, wenn er z. B. einen Anfall im Kennel bekommt.
  • Diazepam braucht eine gewisse Zeit, um zu wirken.
  • Das Medikament muss einem krampfenden Hund verabreicht werden, das kann schwierig sein! Ich habe mir von einer Tierärztin einen Griff zeigen lassen, der auch die Eigensicherung berücksichtigt. Sie war so nett und hat mich dabei gefilmt, sodass ich euch den Griff mit Hilfe eines Stoffhundes zeigen kann. Schau dir dazu den zweiten Teil der Videoserie an. Mit einem Klick auf das Bild oben, kommst du direkt zum Video. TIPP: Übe den Griff an deinem Hund im Rahmen des medical trainings! Und zwar in allen Situationen!
Midazolam
  • Liegt in einer Glasampulle vor, die an einer Sollbruchstelle aufgebrochen werden muss. Das Medikament muss dann mit einer Kanüle der Ampulle entnommen werden. Im Anschluss muss die Kanüle entfernt und der Zerstäuber auf die Spritze gesetzt werden. Das Medikament kann nun in die Nase gesprüht werden.
Vorteile:
  • Es ist eine schnellere Wirkung als bei Diazepam zu erwarten, da der Weg zum Gehirn deutlich kürzer ist.
  • Das Medikament kann mit leichter Distanz verabreicht werden und ein schnelles Zurückziehen ist möglich.
Nachteile:
  • Es besteht eine gewisse Verletzungsgefahr für Hund und Mensch durch Glasampulle und/oder Kanüle, insbesondere in der Aufregung.
  • Beides muss auch in der Stresssitualtion unbedingt entfernt werden, damit der Hund in der postiktalen Phase sich nicht verletzt.

Diese Medikamente muss du IMMER bei dir und griffbereit haben.

Die hier verwendete Quelle ist ein sehr empfehlenswertes Buch: 📚 BUCH *Volk, Holger et al. (2013): Die idiopathische Epilepsie des Hundes. Stuttgart: Enke

Nun wünsche ich dir und deinem Hund eine anfallsfreie und fröhliche Zeit. Geniesst sie!

Herzliche Grüße eure Anja mit dem Käpt´n

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